110. Auktion
18.5.2024
Lot 28
Willy TrieboldEcht Glashütte
Bedeutendes, hochfeines und überaus seltenes Glashütter Taschenchronometer mit Federchronometerhemmung, hergestellt von einem der begabtesten Schüler der Uhrmacherschule Glashütte
Wilhelm Triebold wurde 1880 in Hessisch-Oldendorf, südwestlich von Hannover geboren. 1894 begann er seine Uhrmacher-Laufbahn als Lehrling und zog 1898 nach Berlin, um Geselle zu werden. Als Gehilfe arbeitete er bei dem Uhrmacher Franz Ludwig Löbner (1836-1921). Während seiner Zeit in Berlin erfand er eine Vielzahl von Uhrmacherwerkzeugen und Taschenuhr-Komponenten, die er nacheinander konsequent in der Deutschen Uhrmacherzeitung 1899 veröffentlichte. Zu seinen Erfindungen gehörten u.a. ein Schraubenhalter und ein neuartiges System zur Befestigung von Bügel und Pendant am Gehäuse. Triebold hielt mehr als 30 Patente auf dem Gebiet der Uhrmacherei.
Sein Talent wurde schnell erkannt und der Deutsche Uhrmacherverband empfahl ihn dem Königlich Preußischen Ministerium für Handel und Gewerbe. Das Ministerium gewährte Triebold daraufhin ein Stipendium für die Deutsche Uhrmacherschule in Glashütte, die er von Mai 1904 bis Juni 1905 besuchte. In dieser Zeit stellte er seine herausragenden Fähigkeiten als Uhrmacher durch den Bau von vier Uhren unter Beweis:
- die (Schul-)Nr. 1593 - ein Chronometermodell mit Hemmung
- die Nr. 1610 - eine Taschenuhr mit Ankerhemmung
- die Nr. 1657 - ein Chronometer-Tourbillon
- und das vorliegende Taschenchronometer Nr. 1656.
Das 1905 entstandene Chronometer-Tourbillon mit eigenem Kaliber fertigte er unter der Schul-Sondernummer 1657. Das Werk hatte einen Durchmesser von 50 mm und einen Antrieb über Kette / Schnecke, der mit einem Kronenaufzug ausgestattet war. Dieses Tourbillon war das dritte Tourbillon, das von einem Schüler an der Schule angefertigt wurde. Es ist das letzte einer Reihe von drei, die unter der Leitung von Gustav Hesse entstanden sind, der in der Schule zwischen 1881 und 1915 unterrichtet. Diese Uhr wurde am 19. Mai 1998 bei Sotheby’s in Genf versteigert und brachte einen Verkaufserlös von 166.300 CHF (inkl. Aufgeld).
Einem Artikel der Deutschen Uhrmacherzeitung vom 15. Mai 1905 ist zu entnehmen, dass Triebold in diesem Jahr der einzige Empfänger des von der Schule verliehenen Preises für hervorragende theoretische und praktische Kenntnisse war. Außerdem wurde ihm das Ehrendiplom der Grossmann-Stiftung für sein beeindruckendes Talent verliehen. Im selben Jahr präsentierte er seine drei Uhren auf der Historischen Uhrenausstellung in Nürnberg, wo er mit der Silbermedaille ausgezeichnet wurde.
1911 eröffnete Triebold in Hannover ein Uhrengeschäft, in dem er Glashütter und Genfer Uhren verkaufte. Er wurde auch Vertreter für Gruen-Alpina-Uhren.
Triebold war Mitglied der Saxonia. Sein Verbindungsname war "Matador". Die Saxonia wurde 1895 von den Schülern der Deutschen Uhrmacherschule Glashütte gegründet, um die Feierabende gesellig mit Fachgesprächen zu gestalten, den Gemeinschaftssinn zu fördern und Kontakte für das weitere Berufsleben zu knüpfen. 1904 wurde der "Altherrenbund der Saxonen (A.H.)" gegründet. Nach Abschluss der Ausbildung wurden die Studenten automatisch in den Altherrenbund aufgenommen. Wenn ein ehemaliger Schüler erneut eine Ausbildung an der Deutschen Uhrmacherschule absolvierte, z.B. eine Meisterlehre, wurde er wieder dem Altherrenbund zugeordnet. Triebold war auch ein leidenschaftlicher Uhrensammler, einer der größten seiner Zeit. Er hatte gute Kontakte zu Carl Marfels, dem bekanntesten Uhrensammler des frühen 20. Leider wurde Triebolds Sammlung im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört.
In der Nacht auf den 9. Oktober 1943 erlebte Hannover die schwerste Bombennacht im Zweiten Weltkrieg. 261.000 Bomben fielen auf die Stadt, 1.245 Menschen sterben. Zurück bleibt ein Trümmerfeld. Vom Zentrum, wie es über Jahrhunderte gewachsen war, blieb fast nichts übrig. Die Aegidienkirche brannte aus, die Häuser an der Georgstraße fielen zusammen. Nur die Kröpcke-Uhr blieb stehen.
Jürgen Abeler schrieb in Klassik Uhren 4/2006:
"Ein großer Teil seiner Renaissance-Uhren war in einem schweren Eisentresor untergebracht. Bei einem Großangriff auf Hannover brannte auch das Triebold-Haus vollständig nieder. Als man später den Tresor öffnete, waren die gesamten Holzeinlagen und Etagen verkohlt und eine Teersubstanz hatte sich auf allen Uhrenteilen aus Messing und Stahl niedergeschlagen. Mit normalen Mitteln war dieser eingebrannte Belag gar nicht mehr zu entfernen. Wir machten deshalb in unserer Werkstatt Versuche mit seltenen Säuren, Ameisensäure und Bromsäure. und fanden schließlich einen Weg, die Uhren wieder in Ordnung zu bringen".
Nach dem Krieg war die Firma Triebold immer noch in Hannover tätig. Die erhaltene Sammlung wurde nach dessen Tod geteilt und ist heute in alle Winde zerstreut. Im Historischen Museum Hannover befindet sich eine noch erhalten gebliebene Turmwächteruhr aus der Sammlung von Willy Triebold. Laut seiner Aussage erwarb er diese 1920/1930 bei einem "Althändler" in der Hannoveraner Burgstraße in zerlegtem Zustand. Die Einzelteile stammten aus Räumungsgut vom Dachboden der Hannoveraner Ägidienkirche; laut Auskunft von Triebolds Sohn ursprünglich aus der Türmerstube der Marktkirche.
Quelle: watch-wiki.org