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Katalog Nr. 164 (99. Auktion)
Monogrammist "HK", wahrscheinlich Nürnberg, 75 x 48 x 25 mm, 126 g, 3. Quartal des 16. Jahrhunderts

Ovale Goldemail- und Bergkristall-Halsuhr, Deutschland circa 1560 - Bedeutende und außergewöhnlich frühe Spindeltaschenuhr aus Goldemail und Bergkristall, vormals Teil der Debruge-Duménil-Sammlung (1.), der Prinz Soltykoff-Sammlung (4.) und der Rothschild-Sammlung in Paris, unter Verschluss seit 1861
Gehäuse: Oval, Rahmen aus hochwertigen Gold, mit Kordelmuster-Verzierung in schwarz-weiss-grünem Champlevé-Email. Vorder- und Rückteil sind mit vier scharnierten Stegen verbunden, die noch Spuren von transluzidem rotem und blauem Email aufweisen und jeweils mit einem großen rechteckigen Diamanten oder Rubin besetzt sind. Am verzierten, kugelförmigen Pendant befindet sich ein Ring, am ähnlich gestalteten Gegenstück ein kleiner Ring mit einer Perle. Beide Elemente sind mit transluziden weißen und grünen Farben emailliert. Zwischen den Stegen erheben sich die Bergkristallbänder. Das scharnierte Bergkristall-Vorderteil trägt ein emailliertes Spruchband in Latein TEMPUS EDAX RE-RUM TACITISQUE SENESCIMUS ANNIS ("Die Zeit nagt an allen Dingen und unmerklich werden wir alt"); die rückwärtige Lunette trägt die Inschrift TEMPORA PRETEREUNT MORE FLUENTIS AQUAE ("Die Zeit gleitet dahin wie fliessend Wasser").

Zifferblatt: Oval, Gold, am Rand aufwändig mit transluziden grünen, roten und blauen Blütenranken verziert, zentrales transluzid rotes Sonnensymbol mit 24 Strahlen auf blauem Grund, umgeben von einem weißen Emailrahmen, der wiederum von einem schwarzen Email-Stundenring mit 13-24 arabischen Ziffern umschlossen wird; weiter ein transluzider blauer 12-Stundenring mit Markierungen für die halben Stunden. Alles umrahmt von einer äußeren weißen Bordüre. Einzelner Zeiger aus gebläutem Stahl mit gegabeltem Schweif.

Werk: Vergoldetes Messing und Eisen. Rückplatte vollflächig vergoldet und graviert mit Arabeskendekor und partiellem Gittermuster, Herstellerzeichen: verbundene Buchstaben "HK" in einem herzförmigen Wappenschild, sowie ein fast verborgenes Tatzenkreuz. Graviert, mit vergoldeten Pfeilern und Achsenblock, Darmseite/Schnecke, Federhaus mit eisernen, genieteten Blenden, Eisenräder, Foliot mit Einstellvorrichtungen. Borstenregulierung mit punzierter Einteilung. Aufzugsvierkant in Form des Buchstaben "N".

Anmerkung:
Man kann diese Uhr nicht in ihrem historischen Kontext betrachten, ohne eine Verbindung zu einer weiteren Uhr herzustellen, die sich im Walters Art Museum in Baltimore befindet (Inventarnummer WAM 58.31). William Walters und sein Sohn Henry trugen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine große Zahl von Kunstgegenständen zusammen; die Sammlung wurde nach Henrys Tod im Jahre 1931 der Stadt Baltimore vermacht. Aufzeichnungen weisen lediglich darauf hin, dass die Uhr vor 1915 erworben wurde; kürzliche Nachforschungen haben bestätigt, dass sie Teil der Spitzer-Auktion in Paris 1893 war (8.), während der die Familie Walters einige Stücke erstand. Seitdem war weder diese Uhr noch die vorliegende in Veröffentlichungen beschrieben oder untersucht worden. Im Jahr 2007 jedoch wurde im Zuge der Erneuerung der Renaissance-Abteilung des Museums eine wissenschaftliche Untersuchung der Uhr durchgeführt. Obwohl die Existenz der hier vorliegenden Uhr durch die Veröffentlichung der Stiche durch Dubois 1853 (3.) - und welche auch teilweise von Britten (7.) nachgedruckt worden waren - bekannt war, standen dem Museum keine ausführlichen Beschreibungen für einen Vergleich der beiden Uhren zur Verfügung.

Zusammengefasst lässt sich feststellen, dass die Uhr der Walters Kunstgalerie (Fig. 1.) auch aus Gold, Email und Bergkristall gefertigt ist, jedoch keine steinbesetzten Stege besitzt - vielleicht weil die Uhr etwas kleiner ist (36 mm x 31 mm ohne Pendant und Zierspitze). Beide Uhren tragen die gleichen Markierungen auf dem Werk. Zusätzlich sind bei der Walters-Uhr Initialen und das Jahr 1560 auf der Frontplatte des Werks eingraviert. Überraschenderweise wurden das Monogramm "HK" und weitere "bezeichnende" Charakteristika bei beiden Uhren weder erwähnt, als die Uhren bei früheren Auktionen vorgestellt wurden noch in frühen Publikationen beschrieben. Der Spitzer-Katalog stellt fest: Le revers du mouvement est gravé d’arabesques et de rinceaux parmi laquelles on distingue un monogramme (die Rückseite des Werks ist mit Arabeskendekor und Blütenranken graviert, inmitten deren ein Monogramm zu erkennen ist). In der Veröffentlichung von Dubois zur vorliegenden Uhr ist das Monogramm in der Gravierung klar zu erkennen, wird jedoch in seinem Begleittext in keiner Weise erwähnt. Nach ausgiebigen Untersuchungen beider Uhren traten jedoch eine Reihe von interessanten Details zutage:

a. Beide Uhren tragen die verbundenen Initialen "HK" eingraviert als Teil der rückseitigen Ornamentierung.

b. Die Walters-Uhr zeigt den Buchstaben "N" als Teil der rückseitigen Ornamentierung. Bei der vorliegenden Uhr wurde das "N" in den Aufzugsvierkant eingeschnitten.

c. Bei der vorliegenden Uhr wurde ein winziges Tatzenkreuz in den Gravuren der Rückseite "versteckt". Die Walters-Uhr trägt dieses Motiv verborgen unter dem Zifferblatt zwischen den Ziffern 15 und 60 des eingravierten Datums (Abb. 2).

Ein Vergleich der Uhrwerke lässt weitere markante Charakteristika erkennen, die beiden Uhren gemeinsam sind:

1. Beide Werke werden von gefederten Klammern im Gehäuse gehalten, wobei diese in den Goldrahmen greifen. Sie befinden sich bei 12 und 6 Uhr anstatt wie Usus bei 3 und 9 Uhr (Abb. 3). Diese Anordnung ist zwar ungewöhnlich aber doch gebräuchlich, da Pendant und Zierspitze die stärksten Punkte des Rahmens bilden.

2. Bei beiden Werken sind die Klinken der Federhäuser gefedert zwischen den Werkplatinen befestigt; um ein versehentliches Aufziehen der Uhr über deren Fortsätze durch die Rückplatte zu vermeiden, sind die Achsen mit Aufschraubverschraubungen versehen.

3. Beide Werke besitzen einen einzelnen Drehachsenbolzen, der beide Achsen des Hemmungsrades hält und durch einen Stift an einem der Pfeiler gesichert ist. Diese Konstruktion wurde bei sehr frühen Modellen von tragbaren Uhren verwendet.

Obwohl es feine Unterschiede zwischen den Werken gibt, besonders was die Art der Gravuren auf der Rückplatte und die Form einiger Pfeiler angeht, so bestehen doch kaum Zweifel, dass beide aus der gleichen Werkstatt stammen, selbst wenn man die Initialen und die ungewöhnlichen "Kreuz"-Motive außer Acht lässt. Das vorliegende Stück wurde irgendwann einmal gereinigt und erscheint weniger abgenutzt als die Walters-Uhr; insbesondere wurde auch nicht auf Kette/Schnecke umgearbeitet und die Uhr zeigt keine Anzeichen von ungeschickten Reparaturversuchen durch Löten. Eine Untersuchung des Messings, welches beim Walters-Werk verwendet wurde zeigen, dass es sich dort um eine Mischung handelt, wie sie im entsprechenden Zeitraum gewöhnlich verwendet wurde (Zink unter 30% mit anderen Beimengungen). Außerdem wurde festgestellt, dass das Email am Gehäuse der Walters-Uhr beschädigt ist, besonders am Pendant und den Stegen; das gleiche gilt auch für das vorliegende Stück. Die zusätzlichen Stege beim vorliegenden Objekt weisen nur noch Spuren der Emaillierung auf, was aufgrund ihrer äußerst feinen Beschaffenheit nicht weiter verwunderlich ist - auch in dem Druck, der 1858 von Dubois veröffentlicht wurde, ist dieser Schwund bereits erkennbar. Die Untersuchung der Emailarbeiten der Walters-Uhr durch Mark Wypyski, Spezialist für Konservierung am Metropolitan Museum of Art, bestätigte, dass diese mit anderen auf das 16. und 17. Jahrhundert datierten, in Europa gefertigten Emailarbeiten übereinstimmen (9. & 10.).

Möglicher Hersteller:
Die Markierung bzw. das Monogramm "HK" wurde gewöhnlich zwei Herstellern zugeschrieben. Der berühmteste davon ist Hans Koch, der von 1554 bis 1599 aktiv war; er war allerdings in München ansässig und wohl auch eher auf größere Uhren spezialisiert. Der andere Uhrmacher ist Hans Kiening aus Füssen, der etwa während derselben Zeitspanne aktiv war, aber hauptsächlich für die Instrumente bekannt ist, die aus seiner Werkstatt stammen. Allerdings haben die Zeichen dieser beiden Uhrmacher eine andere Form als die gravierten Initialen auf diesen Uhren. Außerdem ist natürlich noch der zusätzliche Buchstabe "N" vorhanden, der deutlich auf die Stadt Nürnberg hinweist. Bis heute gibt es hier keinen klaren Favoriten, aber die Tatsache, dass es sich bei den Uhren sozusagen um Schmuckstücke handelt, lässt darauf schließen, dass der Hersteller ein Mitglied der Goldschmiede-Zunft war.

Die Provenienz:
Louis-Fidel Debruge-Duménil (1788-1838), Frankreich. Nach Erfolgen auf dem Grundstücksmarkt betätigte er sich während der letzten 10 Jahre seines Lebens als eifriger Sammler und trug wohl mehr als 15.000 Objekte zusammen, bei denen es sich um Sammlerstücke wie Elfenbeinstücke, Skulpturen, Emailarbeiten, Schmuck, Waffen, Gemälde und Zeitmessgeräte handelte, die aus dem Altertum bis ins 18. Jahrhundert datierten. Eine umfassende, 858 Seiten lange Studie und Katalogisierung der bedeutendsten Stücke der Sammlung wurde von Jules Labarte (1.) (1797-1880) erstellt; Labarte war ursprünglich Rechtsanwalt, bevor er 1823 Debruge-Dumenils Tochter heiratete und sich von da ab dem Studium der Kunstgeschichte widmete. Das Buch zur Sammlung wurde 1847 herausgegeben und war die Grundlage einer riesigen Auktion, die in Paris zwischen dem 23. Januar und dem 12. März 1850 stattfand (2.) und über 2.061 Losnummern umfasste. Die Schar der Käufer bestand aus Vertretern aller bedeutenden Museen der Welt und den bekanntesten Sammlern der Zeit, darunter auch Prinz Soltykoff. Die vorliegende Uhr wurde als Losnummer 1457 für 1.900 Francs an einen Monsieur Juste verkauft, einem Pariser Experten, der wahrscheinlich im Namen des Prinzen Soltykoff agierte (da er auch bei der Verauktionierung der Sammlung des Prinzen im Jahre 1861 als Experte fungierte).

Prinz Peter Soltykoff (1804-1889), Kunstsammler; Enkel des Grafen und späteren Prinzen Nikolay Ivanovich Soltykoff (1736-1816), und Sohn der Prinzen Dmitri Nikolaevich Soltykoff (1767-1826); ließ sich 1840 in Paris nieder, wo er eine wichtige Sammlung mittelalterlicher Objekte zusammentrug. Darunter befanden sich unter anderem eine herrliche Kollektion früher Klein- und Großuhren. Die besten darunter wurden von Pierre Dubois, einem Uhrenspezialisten und Schriftsteller, katalogisiert und 1858 in einem Buch veröffentlicht (3.). Die vorliegende Uhr ist abgebildet und beschrieben auf Tafel XII, Abb. 1-3. Dubois schätzte die Uhr als eine der bemerkenswertesten noch vorhandenen Zeitmesser ihrer Art in Europa ein. Prinz Soltykoffs vollständige Sammlung umfasste 1.100 Losnummern und wurde zwischen dem 8. April und dem 1. Mai 1861 während einer Auktion im Hôtel Drouot in Paris veräußert; sie enthielt mehr als 87 "Renaissance" Uhren und Kleinuhren. Diese Uhr wurde als Losnummer 406 für 3.010 Francs verkauft - die bei weitem teuerste Uhr der Auktion. Sie wurde von einem Mitglied der Familie Rothschild erworben.

Literatur:
1. Labarte, J. Description des Objets d’Art qui Composent la Collection Debruge Dumenil, V. Didron, Paris,1847, S. 730, Objekt 1457.
2. Bonnefons De Lavialle, Catalogue des Objets d’Art qui Composent la Collection Debruge Dumenil, Auktion in Paris, Januar bis März 1850, S.159, Los 1457.
3. Dubois, P., Collection Archéologique Du Prince Pierre Soltykoff, Horlogerie, V. Didron, Paris, 1858, Tafel XII, Abb. 1-3.
4. Pillet.C, Catalogue des Objets d'Art et de Haute Curiosité composant la Célèbre Collection du Prince Soltykoff... dont la vente aura lieu... les lundi 8 avril et jours suivants... /, Paris, 1861, S. 113, Los 406
5. Craft M.L., Only Time will Tell: Examination and Analysis of an Early German Watch, The American Institute for Conservation of Historic & Artistic Works, Band 14, 2007, S. 47-64.
6. J. Labarte Online-Biografie: https://www.inha.fr/fr/ressources/publication​s/publications- numeriques/dictionnaire-critique-des-historiens-de-l-art/labarte-jules.html
7. Britten, F.W., Old Clocks and Watches and their Makers, E. & F. Spon, London 1932, 6. Auflage, S. 78, Abb. 74, 75. Von Britten als eine Arbeit nicht jünger als aus der "Mitte des 16. Jahrhunderts".
8. Mannheim, C. (Experte), Catalogue des Objets D’Art….. composant l’importante et précieuse Collection Spitzer, Paris, 1893, Band II, Los 2713 und Tafel LXII.
9. Wypyski, Mark. 2002. Renaissance Enameled Jewelry and 19th Century Renaissance Revival: Characterization of Enamel Compositions. In: Materials Issues in Art and Archaeology VI, Herausgeber Pamela B. Vandiver et al. Warrendale, Pennsylvania: Materials Research Society. 223-233.
10. Wypyski, Mark. 2005. Unveröffentlichte analytische Untersuchung der Uhr WAM #58.31.
Schätzpreis  120.000 - 250.000 €
Dies ist eine Losnummer aus einer früheren Auktion!

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