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Auktionen Dr. Crott 88. Auktion

DIE IDEE DER BALANCIER MARIN PARFAIT (DER “PERFEKTEN MARINE-UNRUH”) FÜR LÄNGENGRADUHREN Nach fehlgeschlagenen Versuchen mit Längengraduhren mit Pendel begann Huygens mit der Entwicklung einer Uhr mit Unruh. Da er um die Fehleranfälligkeit einer Unruhspirale wusste, suchte er hier nach einer alternativen Lösung und stieß unerwarteterweise auf eine solche - als er entdeckte, dass die Konstruktion aus einem Pendel, das an einer Unruh angebracht ist, isochron war. Er belegte dies durch mathematische Berechnungen und nannte seinen Aufbau “Balancier Marin Parfait” (BMP). Die erste Uhr dieser Art, die BMP1, wurde zum Bau an Barent van der Cloese übergeben, Huygens nahm allerdings die meisten abschließenden Feinadjustierungen selbst vor. Landgraf Karl hörte von der Uhr und bat Huygens, eine solche Uhr für ihn herzustellen, aber Huygens lehnte höflich ab.8 Es ist allerdings möglich, dass Huygens es sich anders überlegte und dass die hier vorliegende neue Uhr für den Landgrafen bestimmt war; das ungewöhnlich kunstvolle Gehäuse könnte diese Schlussfolgerung zulassen. Im Jahr 1694 entschied Huygens, dass seine Erfindung auf einer zweiar- migen Unruh (einem Foliot)9 und einem kleinen Pendel10 aufbauen sollte. Diese beiden Merkmale verarbeitete er dann 1695 in der vorliegenden Uhr, der BMP2. DIE “PERFEKTE MARINE-UNRUH” UND DIE HEMMUNG DER LÄNGENGRADUHR Die Unruh bzw. das Foliot sitzen im hinteren Teil der Hemmung. Sie besteht aus zwei zylindrischen Gewichten, die auf die Gewinde an den Enden des Foliots aufgeschraubt werden. In der Mitte befindet sich ein kurzes Messingpendel, das über eine Bandaufhängung zwischen zwei gebogenen Backen11 schwingt. Oben befindet sich eine Mutter, mit der die Konstruktion justiert werden kann. Die Hemmung hat zwei Räder, jedes davon mit 15 Zähnen. Das kleinere der Räder gibt einen Impuls über eine große Palette auf der Unruhwelle direkt an die Unruh, wie es auch bei einer Chronometer- oder Duplexhemmung geschieht. Das große Rad dient zur Verriegelung. Huygens mußte eine geeignete Stelle für das Pendel finden. Wegen der Unruh (dem Foliot) konnte er es nicht außerhalb der Platine befestigen. Er baute also ein Gehäuse um das vierte Rad und das Sekundenrad, was ihm zwischen den Platinen genug Platz für das Pendel verschaffte. Es gibt zwei Sätze reibungsarmer Rollen (Scheibenlager), zwei größere hinten und zwei kleinere vorne. Das Gehäuse basiert auf einem rechteckigen Rahmen und entspricht so fast genau einer Zeichnung, die Huygens von seiner Pendeluhr angefertigt hatte12 (Abb. 9). Alle vorhandenen Unterlagen deuten darauf hin, dass die BMP2 auf die 1680er Jahre datiert werden kann. Um Jean-Dominique Augarde13 zu zitieren: “bis zum Ende des 18. Jahrhunderts waren die Gehäusehersteller, die den Ruhm Frankreichs auf diesem Gebiet begründeten, nicht hier geboren, … die besten von ihnen kamen aus den Gebieten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, hauptsächlich aus dem Rheinland, den holländischen Provinzen und Flandern“. Einige dieser Künstler lebten sicher auch in den holländi- schen Provinzen - Huygens hatte wohl kaum ein Problem, einen solchen Künstler für seine Uhr zu finden. Die Maske des Apoll inmitten von Sonnenstrahlen ist typisch für die damalige Zeit und es gibt zahlreiche entsprechende Darstellungen, so zum Beispiel ein Ornament auf einem Paneel im Louvre im Stil Ludwigs XIV. Es stellt den Sonnengott dar, mit dem sich Ludwig XIV. gern verglich. Das Sonnengeflecht weist ebenfalls auf den Sonnenkönig Ludwig XIV. hin. DER VERBORGENE VERSCHLUSSMECHANISMUS DES GEHÄUSES Das Gehäuse der Uhr ist so konstruiert, dass es für denjenigen, der die Konstruktion nicht kennt, kaum möglich ist, hineinzusehen oder es schnell zu öffnen. Auch wenn man die Funktion der beiden kleinen Löcher erkennt, um die Vorderseite zu öffnen, so benötigt man doch einen Schraubenzieher und mindestens eine halbe Stunde Zeit, bis man das Uhrwerk erreicht hat. Diese Tatsache steht im Einklang mit den Erkennt- nissen der beiden führenden Huygens-Experten John Leopold und Prof. Michael Mahoney. Neben Leopolds Feststellung, dass Huygens Forschung zur Ermittlung des Längengrades mit einer Uhr eine Art Geheimsache war, schreibt auch Mahoney, dass “…Huygens über seine Erfindungen, die ihm künftige Reichtümer versprachen mit Argusaugen wachte“.14 Das Gegengesperr besteht aus einer Bolt and Shutter-Vorrichtung, die mit dem Minutenrad agiert - es handelt sich hier um einen der frühesten Mecha- nismen dieser Art, den wir kennen. Von Fromanteel sind einige Uhren ähnlicher Konstruktion aus der Zeitspanne 1665 bis 1670 bekannt.15 DIE ZEITGLEICHUNG Da es sich hier um die früheste noch existierende Uhr mit Zeitgleichung handelt, sollte man hierauf näher eingehen. Die erste bekannte Uhr mit Zeitgleichung wurde von John Fromanteel nach den Vorgaben von Nicholas Mercator gebaut, der sie 1666 bei der Royal Society und dann dem König vorstellte. In Frankreich erhob Pierre Gaudron den Anspruch, sein Vater habe im Jahr 1688 die erste solche Uhr im Land konstruiert. Falls diese Uhren heute noch erhalten sein sollten, so ist ihr Aufenthaltsort unbekannt. Die vorliegende Uhr stammt aus derselben Zeitspanne und hat die Jahre bis in die Gegenwart überdauert. Die Zeitgleichung beruht auf einem Jahreskalenderrad, das über ein Wurmgetriebe angetrieben wird, in dem eine Endlosschraube vom Stundenrad mit Schnecke angetrieben wird. Dieser Ansatz wurde von Entwürfen aus der vorangegangenen Renaissanceperiode weiterentwickelt. FAZIT Bei dieser Uhr handelt es sich um eines dieser seltenen Stücke aus der Vergangenheit, die durch ihre besondere Bedeutung unsere Kenntnisse von der Entwicklung der Technologie nachhaltig verändert haben. Die meisten dieser Stücke sind für immer verloren - diese Uhr hatten wir seit den 1980er Jahren praktisch vor Augen, sie war jedoch falsch zugeordnet. Inzwischen wissen wir, dass es sich hier um die Balancier Marin Parfait von Huygens und gleichzeitig sowohl um die älteste Längengraduhr der Welt, als auch um die Inspiration für die hochdekorierten Uhren von John Harrison handelt. Sie ist außerdem die älteste noch erhaltene Uhr mit Zeitgleichung. Huygens war der Lösung des Längengradproblems bis zu seinem frühen Tod sehr nahe gekommen, doch schließlich war es John Harrison (geboren im Todesjahr von Huygens), der - geleitet von Huygens Arbeiten - die Antwort auf die offenen Fragen in seiner bimetallischen Kompensation fand.16 Der Höhepunkt von Huygens Versuchen findet sich eindeutig in dieser kürzlich entdeckten Uhr, der BMP2; es ist die letzte Uhr, die er größtenteils eigenhändig schuf17 , und in der er die Erkenntnisse seiner lebenslangen Erfahrung einbrachte. Es ist die Uhr, die letztendlich zur Lösung des Längengradproblems führen sollte.

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