News_01-2018_D
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Jäger der verlorenen Schätze



Stefan Muser hat in seinem Auktions­haus schon fast 50.000 Luxus­uhren verkauft. Auf dem Banken­gipfel der Süddeutschen Zeitung verrät er, wie der Uhrenmarkt tickt.

Vor etwa 12 Jahren betritt ein alter ungari­scher Herr das Auktions­haus Dr. Crott in Mannheim. Er bittet Stefan Muser, eine Uhr zu schätzen, für die ihm schon zwischen 5000 und 7000 Euro geboten wurden. "Es war eine sehr komplizierte Patek-Armband­uhr im Stahl­gehäuse – die Referenz 1518 – von der bislang nur fünf Stück bekannt waren", erzählt der Auktionator. "Ich habe die Uhr geprüft und gesagt: mindestens 250.000! Der Ungar erschrak und antwortete: Morgen melde ich mich. Das war die längste Nacht meines Lebens. Am nächsten Tag gab er uns die Uhr in Kommission. Wir haben sie dann für 1,3 Millionen Euro versteigert."

Solche Geschichten lassen erahnen, warum Uhren mittlerweile auch auf Investoren einen enormen Reiz ausüben. Es lassen sich unzäh­lige Anekdoten erzählen – über Schub­laden­funde, Sammler­glück, Jagdfieber und enorme Wert­stei­gerungen. "Trotzdem sollte die Hoffnung auf finanziellen Gewinn nicht der Antrieb eines Sammlers sein", macht Muser klar: "Er sollte Uhren lieben, sie gern betrach­ten, sich daran freuen. Denn ganz ehrlich, solch spekta­kuläre Einzel­fälle sind sehr, sehr selten. Selbst Sammler­uhren, die lang­fristig nach Inflation wert­erhal­tend sind, gibt es nicht viele. Und sie müssen sich schon sehr gut auskennen."
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Stefan Musers erste Lektion: Sammeln von Uhren aus aktueller Produktion bringt es nicht. "Haben Sie schon jemals im Auto­haus nach einem Neuwagen mit Wert­stei­gerungs­potential gefragt? Sicher nicht. Sie wissen: ln dem Moment, da Sie den Kauf­vertrag unter­schrieben haben, ist das Auto um die Händler­marge weniger wert. Bei Uhren ist das nicht anders."

Doch noch aus einem anderen Grund unter­scheiden Sammler strikt zwischen Vintage-Uhren, die vor 1980 produziert wurden, und Modellen jüngeren Datums. "Vor 1980 wurden Uhren noch mit den Händen, Dreh­bänken und Fräs­maschinen gebaut. Alles was danach kam, wird zum größten Teil von CNC-Maschinen produ­ziert, die jede Menge Teile auswer­fen. Daraus wird mit großer Wahr­schein­lichkeit kein wertvolles Sammler­stück." Damit eine Vintage Uhr ein erfolg­reiches Investment sein kann, müssen noch einige weitere Kriterien erfüllt sein. "Sie muss sehr gut erhalten sein und als Kult-Uhr gelten, die jeder Sammler besitzen will." Kult werde ein Modell zum Beispiel, wenn es sich lange Zeit am Markt durch­gesetzt habe. "Beispiele dafür sind die Sport­uhren des Designers Gerald Genta aus den 70er Jahren", erklärt Muser: "Die Royal Oak von Audemar Piguet, die Nautilus von Patek Philippe, die Ingenieur von IWC – sie sind heute noch Haupt­umsatz­träger dieser Firmen."

Oft werden auch aus Sonder­aus­führungen Kult-Uhren. "Von der Rolex Cosmonaut Daytona mit Hand­aufzug gibt es zum Beispiel eine Ausführung mit abwei­chen­dem Zifferblatt­design 'Paul Newman', die der Schau­spieler in dem Film 'Winning' getragen hat. Alles an dieser Uhr ist identisch zur Serie, nur das Ziffer­blatt hat einen anderen Aufdruck. Und das verändert den Preis dramatisch – von rund 40.000 auf mindestens 200.000 Euro." Eine 'Paul Newman von Paul Newman' – seine Frau hatte sie ihm geschenkt, wurde eben jn den USA sogar für 17.752.500 US-Dollar versteigert.

"Celebrity sells", fasst Muser zusammen und nennt ein weiteres Beispiel. Als Steve McQueen den Film Le Mans drehte, trug er eine Monaco von Heuer am Arm. "Es gibt jede Menge Groß­aufnahmen des Schau­spielers in seinem Renn­anzug mit dieser Uhr. Vor zehn Jahren kostete sie noch knapp 5000 Euro. Dann wurde die Monaco als Sammler­stück entdeckt. Heute wird sie schon mit rund 20.000 Euro taxiert."
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Ausschlag­gebend für den Wert einer Sammler­uhr sei letztlich aber der Erhaltungs­zustand: "Je schöner das Blatt, desto höher der Preis", erklärt Muser, warnt aber sogleich: "Kommen Sie jetzt bloß nicht auf die Idee, das Blatt aufzu­arbeiten. Das ist eine Todsünde und wird nicht akzeptiert."

Die meisten Sammler und Händler stellt dies vor ein weiteres Problem. "Sie müssen Vollprofi sein, um zu sehen, ob das Ziffer­blatt verändert wurde. Das magische Wort lautet 'unpoliert'. Das ist eine Uhr im Original­zustand, die keine Politur erfahren hat, durchge­tragen worden ist und die Spuren des Tragens auch irgend­wann ehrenvoll erlangt hat. Sie wird die höchsten Preise erzielen."

Getoppt werde dies nur noch durch eine wirklich ungetragene Uhr, ein sogenanntes Full Set – eine alte Uhr mit Original-Box und Original-Zertifikat. "Da drehen alle Sammler durch. Ein Full-Set kann durch­aus das Doppelte oder Dreifache des normalen Sammler-Wertes einer Uhr bringen."

Die Preis­stei­gerungen der letzten Jahre hätten aller­dings auch dazu geführt, dass heute immer mehr Fälschun­gen auf­tau­chen. "Es gibt mittler­weile Firmen in China und Italien, die Uhrwerke Eins zu Eins nach­bauen. Das sehen Sie nur, wenn Sie die Uhr zerlegen." Mittler­weile haben die Uhrenhäuser aus dieser Not ein Geschäfts­modell gemacht. "Um zweifels­frei heraus­zufinden, ob eine Uhr echt ist, müssen Sie diese zum Hersteller einschicken. Das geht aber in der Regel nur in Kombination mit einem Revisions­auftrag. Stellen die Experten dort fest, dass ein Bestand­teil nicht original ist, wird die Uhr nicht repariert und geht zurück. Dann wissen Sie Bescheid." Früher, erzählt Muser, hätte so eine Revision 500 bis 700 Euro gekostet. "Jetzt nimmt Rolex zum Beispiel bei einer Paul Newman 25.000 Schweizer Franken – dadurch wird ja die Originalität der Uhr bestätigt, was den Wert massiv erhöht."

Wo sieht der Experte heute selbst Wert­steigerungs­potenzial? "Grund­sätzlich rate ich dazu, antizyklisch zu kaufen. Dieses Geschäft ist schließ­lich Moden unter­wor­fen. In den 40er Jahren lagen die Durch­messer zum Beispiel bei 32, maximal 33 mm. Die gingen dann in den 70ern hoch bis auf 45 Millimeter, Anfang der 80er wieder runter und erreichen heute irre Maße von bis zu 50 Millimetern. Wir können im wahrsten Sinne des Wortes die Uhr danach stellen, dass die Leute irgend­wann auch wieder kleine Uhren kaufen. Heute bekommen Sie. eine feine, elegante 'kleine' Patek Philippe für 5000 bis 6000 Euro. Die legen Sie sich in den Safe. Irgend­wann wird daraus etwas."

Musers zweite Idee: "Die Autavia, ein klassischer Heuer-Chrono­graph aus den 1970ern. In der aktuellen Serie von TAG-Heuer wird dieses Design exakt wieder neu aufgelegt. Der Anschaf­fungs­preis der Vintage-Variante ist mit 4000 bis 5000 Euro über­schaubar. Das könnte sich lohnen."

Und dann hat der Experte noch eine besondere Pointe parat: "Erinnern Sie sich an den alten Herrn aus Ungarn, der vor zwölf Jahren die sechste Patek, Referenz 1518 einlieferte? Letztes Jahr ist in Genf ein siebtes Exemplar aufgetaucht. Das hat dann schon elf Millionen Euro gebracht."

Quelle: GELDANLAGE 2018 - Der Münchner Banken­gipfel. Eine Anzeigen­sonder­veröf­fent­lichung in der Süddeutschen Zeitung